Diese Kurzgeschichte gehört mal wieder zu einer Anthologie, die jedoch noch nicht draußen ist. Sobald dies geschehen ist, verlinke ich sie natürlich wieder für euch.

 

Bis dahin erhaltet ihr die Kurzgeschichte schon einmal exclusiv ;)


Traumrealität:

 

Die Sonne schien von einem strahlend blauen Himmel herab, keine Wolke zeigte sich und die Temperaturen stiegen an diesem Frühlingstag so weit, dass sich die ersten Bienen auf den Weg machten, um die gerade erst erblühten Blumen zu besuchen. Vögel zwitscherten in den Bäumen, die ihre Äste mit zartgrünen Blättern schmückten. Es war ein wunderschönes Bild, das viele Besucher des Parks genossen. Nur Maggie nicht.

Sie lief schnell über den kiesbestreuten Weg, tief in Gedanken versunken und mit mehr als finsterem Gesicht. Sie musste noch so viel tun!

Ihrem Magen etwas zu essen zu gönnen sollte eigentlich ganz oben auf ihrer Liste stehen, aber die Post machte gleich zu und der Brief in ihrer Handtasche musste unbedingt heute noch weg. Außerdem brauchte sie noch ein Geschenk für ihre Arbeitskollegin und… die Arbeit. Sollte sie sich vielleicht nach dem Abendessen noch an die Präsentation für kommende Woche setzen? Allein der Gedanke ließ sie aufstöhnen. Sie glaubte nicht, dass ihr Kopf dazu heute noch fähig war. Er fühlte sich bereits jetzt viel zu voll und überfordert an.

Maggie hatte das Bedürfnis, sich hinzulegen und einfach einzuschlafen, am besten eine ganze Woche lang. Aber auf Urlaub würde sie noch einige Zeit verzichten müssen. Sie seufzte und wühlte in ihrer Handtasche nach ihrem Handy. Wieso nur musste immer alles so stressig sein?

Gerade als sie das Gerät zwischen all dem anderen Kram fand, weckte eine kleine Bewegung aus den Augenwinkeln ihre Aufmerksamkeit. Es handelte sich um ein Glitzern, das nicht typisch für die Stadt oder den Park war, weswegen sie aufblickte.

Überrascht japste sie, als ein kleiner Lichtball auf sie zuschoss, knapp an ihrem Gesicht vorbeiflog und dabei eine funkelnde Spur hinter sich herzog, die sich im nächsten Moment in der Luft verlor. Perplex blinzelte Maggie und sah dieser Erscheinung hinterher. Hatte sie schon Wahnvorstellungen?

Sie war eine rationale Frau, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden stand und nicht an Übernatürliches glaubte. Aber wenn sie es nicht besser wüsste, war gerade eine Fee an ihr vorbeigeflogen.

Mit einem ungläubigen Schnauben schüttelte sie den Kopf. Eine Fee… wie war sie denn auf die Idee gekommen?

Sie wollte schon weitergehen und diesen Lichtball, der definitiv aus Flügeln und einem kleinen Wesen bestand, als Einbildung ihres müden Geistes abtun. Aber ihre Füße zögerten den nächsten Schritt so lang hinaus, dass sie doch den Kopf wandte und in die Richtung blickte, in die das Wesen verschwunden war.

Ohne das Warum zu kennen, folgte sie der Fee.

»Maggie, was machst du hier?«, fragte sie sich selbst, während sie sich zwischen zwei Büschen hindurchschlängelte.

Ihre Handtasche verfing sich an einem Ast und Maggie hielt inne, um sie zu lösen. Als sie sich wieder aufrichtete und nach vorn sah, erstarrte sie.

Eigentlich hätte sie den Park erwartet, zwischen dessen Bäumen sie das andere Ende und somit die weitaufragenden Hochhäuser hätte sehen müssen. Stattdessen stand sie am Rand einer Lichtung, die umschlossen wurde von dichten Büschen und Bäumen, deren Blätter smaragdfarben in der Sonne leuchteten. Das Gras zu ihren Füßen reichte bis zu ihren Knien und raschelte in einer vorbeiziehenden Brise. Doch es war ein Mann, der mitten auf der Lichtung stand und sie erstarren ließ. 

Groß und aufrecht stand er ihr seitlich zugewandt da und hielt die Hand vor sich ausgestreckt, die Handfläche nach oben gerichtet. Dadurch konnte sie die feinen Gesichtszüge erkennen, die ihn sanft und entspannt wirken ließen. Auf seinen hübschen Lippen lag ein Lächeln, das Maggies Herz beruhigte und sie still verharren ließ. Fasziniert betrachtete sie seine Kleidung, die aus einer braunen Weste, einer schwarzen Hose und kniehohen Stiefeln bestand. Doch am meisten verwunderten sie seine Ohren, die zwischen dem braunen Haar hervorlugten: sie liefen am oberen Ende spitz zu. Maggie wollte ihren Augen nicht trauen.

Da löste sich ein funkelnder Lichtball aus dem Gras und setzte sich zutraulich auf die ausgestreckte Hand des Mannes – die kleine Fee.

Im letzten Moment verhinderte Maggie ein ehrfürchtiges Geräusch, als noch weitere kleine Lichtwesen aus dem Gras aufstiegen und zu einer lautlosen Melodie über die Lichtung schwebten. Es sah wunderschön aus, wie die Lichter durch die Sonne flogen, einander jagten oder einfach nur umeinander spielten. Maggie konnte nur staunen und machte einen kleinen Schritt auf die Lichtung zu.

Obwohl sie sicher war, kein Geräusch verursacht zu haben, hielten die Lichtwesen inne und verschwanden blitzschnell zwischen den Stämmen des Waldes. Nur der Mann blieb zurück und wandte sich ihr nun ganz zu. Maggie schluckte, als sein Blick sie fand und sofort in ihren Bann zog. So blaue Augen hatte sie noch nie in ihrem Leben gesehen.

Der Unbekannte schien über ihre Anwesenheit nicht erbost zu sein, weswegen Maggie blieb, als er langsam zu ihr kam.

»Hallo«, sagte er einfach, als er einen Schritt vor ihr anhielt.

»Hallo«, erwiderte Maggie atemlos.

Irgendetwas an ihm ließ ihren sonst so wachen Geist innehalten. Sie sah ihn einfach an und vergas alles um sich herum. Er beugte sich vor, bis sich ihre Nasen beinahe berührten.

»Es ist schön, eine Besucherin hier begrüßen zu können, aber du gehörst hier nicht her, Maggie, und ich glaube, dir würde ein wenig Schlaf guttun«, sagte er leise.

Unfähig etwas zu erwidern, verlor sich Maggie in dem Blick dieser unendlich tiefen, blauen Augen und eine Sekunde später sackte sie bewusstlos zu Boden.

Als sie wieder erwachte, brauchte Maggie zuerst eine Sekunde, um zu begreifen, wo sie sich befand. Mühsam richtete sie sich auf und bemerkte die Bank unter sich. Der Park lag ganz normal vor ihr, die Menschen liefen gewohnt desinteressiert an ihrer Person an ihr vorbei und noch immer schien die Sonne.

Was war passiert? Hatte sie das eben wirklich erlebt? Nein, sicher nicht. Bestimmt hatte sie sich nur überfordert und war auf der Parkbank eingeschlafen. Überraschenderweise schien ihre Erschöpfung komplett vergangen.

Sie strich sich den Schlaf aus den Augen, ehe sie ihre Handtasche griff und sich auf den Weg zur Post machte. Ob real oder nicht, auf ihrem Weg gingen ihr diese faszinierenden blauen Augen einfach nicht aus dem Kopf. Sie würde sie nie mehr vergessen.