Nachfolgend findet ihr eine Kurzgeschichte von mir, die in einer Anthologie zusammen mit vielen anderen Autoren geschrieben wurde.

Falls ihr Interesse an dieser Sammlung von Kurzgeschichten habt, findet ihr hier den Link zu Amazon. Das Ebook ist kostenlos :)

Ansonsten viel Spaß mit meiner Kurzgeschichte ;)


Im freien Fall:

 

Tief atmete ich die kühle Luft ein, die leicht nach Exkrementen, aber auch wundervoll nach Wind und Leder roch. Meine Nervosität ließ mich schon seit gestern Abend nicht mehr los. Aber wenigstens hatte ich die Nacht schlafen können und fühlte mich ausgeruht. Zärtlich strich ich über Ferrils weiche Federn und das Weibchen erwiderte die Berührung durch einen Stups mit ihrem orangeschimmernden, mächtigen Schnabel.

Noch befanden wir uns in den Ställen, die den Greifen als Unterkunft diente, wenn sie des Fliegens müde wurden. Aber bald schon musste ich Ferril hinausführen und zusammen würden wir unseren ersten Flug in Angriff nehmen. Zum wiederholten Male überprüfte ich das Geschirr, das ich Ferril angelegt hatte, bewunderte dabei mein Mädchen und fühlte Stolz in meiner Brust.

Ferrils Federkleid, das ab der Hälfte ihres großen Leibes in weiches Fell überging, besaß eine einzigartige Färbung: rostrot mit wunderschönen weißen Sprenkeln darin, die wie vereinzelte Schneeflocken wirkten. Die Schwingen leuchteten ebenfalls in diesen Farben, doch an den Spitzen ging das Rot langsam in ein Orange über. In der prallen Sonne wirkte es, als ob das Greifenweibchen in Flammen stünde. Es war ein Anblick, von dem ich nicht genug bekam. Spielerisch drückte ich Ferrils Schnabel weg, woraufhin sie mit der Hinterpfote über das Stroh der Box scharrte.

„Gleich, meine Schöne, sie müssen uns doch noch die Starterlaubnis erteilen.“ Tief musste ich durchatmen, denn die Nervosität wollte sich wie ein fester Knoten in meinem Bauch festsetzen und der Angst in mir den Weg ebenen. Denn das hatte ich: Angst. Noch nie flog ich mit Ferril, was bedeutete, dass bei diesem Flug zum ersten Mal sehr viel Nichts unter mir sein würde. Was wenn ich einen Fehler machte und herunterfiel? Das kam schon öfter vor. Warum sollte es also nicht mir passieren? Nervös zupfte ich an einer Feder von Ferril.

Da trat mein Bruder an das Gatter und unterbrach meine Gedanken. „Bereit, Reya?“, fragt er mit einem beruhigenden Lächeln.

„So ganz sicher bin ich mir nicht“, gestand ich.

Mein Bruder lachte und öffnete das Gatter. „Du brauchst absolut keine Angst haben. Du und Ferril seid das perfekte Team. Komm, Schwesterchen, dein erster Flug wartet.“

Tief atmete ich durch und lockte Ferril dann mit leisen Klicklauten hinter mir her. Zutraulich folgte sie mir. Unser Volk lebte seit Jahrhunderten weit über der Erde. Auf und in den Gipfeln der höchsten Berge im ganzen Land baute es seine Siedlungen, grub tiefe Felsgänge in das Gestein und vermied es dabei, dem wirklichen Erdboden zu nah zu kommen. Doch die Umgebung war karg und wenig lebensbejahend. Deswegen hatten wir uns mit den Greifen verbündet, die durch uns ein warmes Zuhause, Zuneigung und genügend Nahrung bekamen. Und wir? Wir kümmerten uns um sie, zogen sie auf, sobald sie aus ihren Eiern schlüpften und knüpften Freundschaften, die ein Leben lang hielten. Ferril und ich bestritten gerade unser achtzehntes Jahr miteinander und hatten somit den Punkt erreicht, an dem Ferril ausgewachsen und zum Fliegen bereit war. Mit mir als ihre Reiterin. Dadurch würde es mir nach diesem ersten Flug möglich sein, mein Volk zu unterstützen, hinab auf die Erde zu fliegen und dort Güter zu erhandeln, die wir hier nicht anbauen konnten.

Mit klopfendem Herzen folgte ich meinem Bruder in den großen Mittelgang, der zu einem der Tore hinaus auf die steinerne Startrampe führte, die fast zehn Meter hinaus in den Himmel ragte. Die Angst kehrte schmerzhaft in meinen Magen zurück, wühlte sich hindurch und hinterließ Übelkeit. Ich hatte das Gefühl, alles wahrzunehmen: die Greifen in den anderen Boxen, den Wind, der durch das Tor hereinwehte, das Knarren des Holzes unter meinen Füßen und sogar Ferrils Atem.

„Keine Sorge, Reya, es ist nur ein kurzer Sprung und danach wird sich die Angst in pure Freude verwandeln“, versicherte mein Bruder, als wir bei dem Tor angelangten und sich der endlose Himmel vor uns ausbreitete.

„Du hast gut reden. Muss ich dich daran erinnern, wie viel Panik du vor deinem ersten Flug hattest?“

Er lachte und klopfte Ferril fest auf die Seite. „Nein, musst du nicht, aber irgendwie muss ich dich ja beruhigen, oder? Komm, sitz auf.“

Noch einmal atmete ich tief durch und stieg dann auf Ferrils Rücken. Ich hatte schon hier oben gesessen, bevor ich auch nur laufen konnte, aber da trug Ferril nie das lederne Geschirr, das sich um den mächtigen Leib des Greifen wand und das mein Bruder nun um meine Beine schloss. Es würde verhindern, das Ferril mich bei zu stürmischen Bewegungen abwarf. Trotzdem schützte es mich nicht vor eigener Torheit.

Vor Aufregung kaute ich auf meiner Lippe und blickte über die weite Wolkendecke, die die Erde heute verbarg und wie ein weißes Meer anmutete. Ich liebte diese Weite, das strahlende Blau und die immerwährende Sonne hier oben. Es mussten schon schwere Stürme toben, um mir diesen Anblick zu verderben.

Mein Bruder zog an einem letzten Riemen und klopfte mir dann auf das Knie. „Ab mit dir, Kleine, hab mir viel Spaß.“ Er zwinkerte mir zu und trat dann zurück zum Tor, um uns Platz zu machen.

„Bereit, Ferril?“, fragte ich und mein Mädchen krähte einmal, bevor sie an den Rand der steinernen Bahn trat. Bevor ich auch nur einen weiteren Gedanken fassen konnte, ließ sich Ferril über den Rand fallen. Überrascht schrie ich, lachte aber im gleichen Moment auf, als der Wind rauschend an mir vorbeischoss, meine Angst mitriss und ich im freien Fall auf die Wolkendecke zuschoss. Es war ein wundervolles Gefühl!

Fast gemächlich öffnete Ferril ihre Schwingen, um unseren freien Fall zu bremsen. Sie stabilisierte uns und sogleich fand ich mich in ihre Bewegungen ein, lenkte sie und spürte dabei die endlose Freiheit, die sich mir eröffnete. Ich staunte über die Leichtigkeit, mit der ich und Ferril uns auf diese neue Situation einstellten. Als hätten wir dies schon tausend Mal gemacht, steuerte ich mein Mädchen in einem weiten Kreis, immer höher in den endlosen Himmel. Lachend streckte ich die Arme aus, vertraute Ferril mein Leben an und genoss unseren ersten Flug. Ja, das war ein Leben ganz nach meinem Geschmack!